{"id":3211,"date":"2013-09-02T11:03:29","date_gmt":"2013-09-02T09:03:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/?p=3211"},"modified":"2013-09-02T11:03:29","modified_gmt":"2013-09-02T09:03:29","slug":"nachbarn-1998","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/literatur\/nachbarn-1998\/","title":{"rendered":"Nachbarn (1998)"},"content":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher traf man ihn oft auf dem Teltower Damm. Er sa\u00df vor dem Supermarkt oder vor einem der zahlreichen Telefonl\u00e4den. Die Schultern gegen die Mauer neben den Schaufensterscheiben gepresst (immer achtete er darauf, nie direkt an der Scheibe zu sitzen), die Arme waren um den Oberk\u00f6rper geschlungen. Mal ging der Blick ins Leere, mal, und das war weitaus h\u00e4ufiger, starrte er <!--more-->mit einem trunkenen Grinsen auf die kopfsch\u00fcttelnd vor\u00fcbergehenden Passanten.<\/p>\n<p>Wie alt mochte er sein? Auf den ersten Blick schien er die f\u00fcnfzig Jahre hinter sich gelassen zu haben. Der zweite Blick lie\u00df erkennen, dass er weitaus j\u00fcnger sein musste. Wenn er hin und wieder seine Stimme erhob um irgend etwas trunken genuscheltes zu fl\u00fcstern, konnte der aufmerksame Zuh\u00f6rer erkennen, dass er irgendwo aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen musste.<\/p>\n<p>Meistens dauerte es nicht lange und er sank in sich zusammen, sinnlos betrunken, unf\u00e4hig zu gehen, zu stehen oder zu sprechen. Und oft dauerte es nicht lange bis ein Funkwagen erschien, zwei Beamte ausstiegen, sich Handschuhe \u00fcberstreiften und auf den mit Erbrochenem oder mit Blut verschmutzten zugingen. Nach langem Palaver wurde er dann mitgenommen- die Stra\u00dfe war \u201eges\u00e4ubert\u201c, der Passantenflu\u00df konnte sich ungehindert den Weg bahnen, nichts st\u00f6rte mehr die Entwicklung ungehinderter Kauflust. Und die Kinder. Sie wurden nicht l\u00e4nger damit konfrontiert, dass es in diesem Leben nicht nur die heile Welt zwischen Kinderzimmer und Kindergarten gibt.<\/p>\n<p>Der Zeitungsh\u00e4ndler, dessen Laden er regelm\u00e4\u00dfig aufsuchte um sich mit Alkoholnachschub einzudecken konnte einen kleinen Zipfel um das Geheimnis des Mannes l\u00fcpfen. Demnach handelte es sich um einen osteurop\u00e4ischen Handwerker. Verheiratet, mit zwei kleinen Kindern gesegnet und gl\u00fccklich in die Zukunft sehend. Sonntags wurde die Kirche besucht, seine Frau und die Kinder waren der gesamte Lebensinhalt. Stolz, Freude und Halt seines Lebens. Ein durch und durch geordnetes Leben.<\/p>\n<p>Eine Sekunde zerst\u00f6rte all das. Wie er erz\u00e4hlte, hat ein betrunkener Autofahrer die beiden Kinder von seiner Hand weggerissen und durch die Luft geschleudert. Wie von Sinnen rannte er erst zu dem einen, dann wieder zu dem anderen und schluchzend wieder zur\u00fcck. &#8220;Die Kinder, meine Kinder&#8221;!<\/p>\n<p>Vergebens. Sie starben beiden in seinen Armen w\u00e4hrend der Autofahrer schwankend und t\u00f6richt grinsend an seinem Auto lehnte.<\/p>\n<p>Der Vater, ein H\u00fcne von einem Mann, verlor die Nerven. Tr\u00e4nenblind stolperte er auf den Fahrer zu. Das Herz zerrissen und vor Schmerz unf\u00e4hig klar zu denken schlug er wie von Sinnen auf den Mann ein. Er kam erst wieder zu sich, als herbeigerufene Polizisten ihn mit M\u00fche weg zerrten.<\/p>\n<p>Nachdem er eine mehrj\u00e4hrige Haftstrafe verb\u00fc\u00dft hatte kam er nicht mehr in seine Wohnung. Dort wohnte seine Frau jetzt mit einem anderen Mann.<\/p>\n<p>Die Odyssee begann. Teufel Alkohol streckte seine F\u00e4nge nach ihm aus, doch das Vergessen wollte sich nicht einstellen.<\/p>\n<p>Viele Menschen haben Leichteres, viele haben Schwereres erlebt. Manch einer ist dem Alkohol verfallen, einige haben es mit Drogen versucht, die meisten haben sich irgend wann gefangen.<\/p>\n<p>Und auch diese Geschichte zeigt einen winzigen Silberstreif am Horizont.<\/p>\n<p>Unser Mann sitzt immer noch auf der Stra\u00dfe. Wir sehen ihn jetzt oft in der Martin. Buber- Stra\u00dfe vor Reichelt. Oft l\u00e4chelt er. In den H\u00e4nden h\u00e4lt er eines dieser Obdachlosenmagazine und es hat nicht den Anschein, als wolle er sich von dem Erl\u00f6s des Verkaufs mit Alkohol eindecken.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Menschen der ganz weit unten war, ist es oft schon ein gewaltiger Schritt, wenn er nur noch unten ist. Es liegt auch ein bisschen an uns allen, ob aus dem Schritt von unten in die so genannte Normalit\u00e4t jetzt kein Stolpern wird.<\/p>\n<p>Peter Bauer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher traf man ihn oft auf dem Teltower Damm. Er sa\u00df vor dem Supermarkt oder vor einem der zahlreichen Telefonl\u00e4den. 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