{"id":348,"date":"2013-07-14T13:44:44","date_gmt":"2013-07-14T11:44:44","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/?p=348"},"modified":"2013-07-16T14:20:24","modified_gmt":"2013-07-16T12:20:24","slug":"diskussion-um-die-treitschkestrase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/politik\/diskussion-um-die-treitschkestrase\/","title":{"rendered":"Diskussion um die Treitschkestra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p><em>Zu Ende des letzten Jahres waren die AnwohnerInnen der hinter dem neuen Einkaufszentrum \u201eBoulevard Berlin\u201c an der Schlossstra\u00dfe gelegenen Treitschkestra\u00dfe aufgerufen \u00fcber den Namen ihrer Stra\u00dfe abzustimmen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><strong>Wer war Treitschke?<\/strong><\/p>\n<p>Heinrich von Treitschke (1834-1896) war in seiner Zeit einer der tonangebenden deutschen Historiker. Daneben war er Publizist und von 1871 bis 1884 Mitglied des Reichstages. Zun\u00e4chst eher liberal gepr\u00e4gt,<!--more--> wurde die Einigung und Vormachtsstellung des preu\u00dfischen Staates immer mehr sein Hauptaugenmerk, dem er die Objektivit\u00e4t in der Geschichtsschreibung ausdr\u00fccklich unterordnete. Als entschiedene Gegner und Hindernisse dieser Vormacht und Einheit Preu\u00dfens sah er die s\u00fcddeutschen Monarchien, Frankreich und die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Deutschlands. Einen angeblich gro\u00dfe Umfang j\u00fcdischer Zuwanderung \u00fcber Polen prangerte er dar\u00fcber hinaus an, ohne Zahlen zu nennen oder Belege daf\u00fcr zu liefern, was schon damals bei Historikerkollegen teils auf Kritik stie\u00df. 1879 schlie\u00dflich ver\u00f6ffentlichte Treitschke den Aufsatz \u201eUnsere Aussichten\u201c, in dem sich auch sein Satz \u201eDie Juden sind unser Ungl\u00fcck\u201c findet. Treitschke selbst grenzt sich jedoch von \u201eRadau-Antisemiten\u201c ab und gibt seiner Meinung nach mit dem Satz nur eine aktuelle Einstellung wieder (\u201eBis in die Kreise der h\u00f6chsten Bildung hinauf, unter M\u00e4nnern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen w\u00fcrden, ert\u00f6nt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Ungl\u00fcck!\u201c). Er fordert eine starke Anpassung und Unterwerfung der Juden an den preu\u00dfischen Staat, gerade damit keine Vertreibung stattfinden m\u00fcsse. Diese Methode ist sehr diffizil und es greift daher zu kurz, Treitschke als plumpen Antisemiten zu brandmarken.<\/p>\n<p><strong>Historische Bedeutung<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere der schon erw\u00e4hnte Satz \u201eDie Juden sind unser Ungl\u00fcck\u201c l\u00f6ste in Deutschland den so genannten \u201eTreitschkestreit\u201c (erst sp\u00e4ter als \u201eAntisemitismusstreit\u201c bezeichnet) aus: vor dem Hintergrund von Krisen in Industrie und Landwirtschaft wurde der angeblich negative Einfluss des \u201ej\u00fcdischen Wesens\u201c auf das Kaiserreich diskutiert und damit agitiert. W\u00e4hrend Treitschke selbst sich von Rassentheoretikern distanzierte und als Politiker die \u201eAntisemitenpetition\u201c (Ausschluss j\u00fcdischer Mitb\u00fcrger von allen hohen Staats\u00e4mtern) nicht unterzeichnete, wurde Antisemitismus immer mehr und auch bis ins Bildungsb\u00fcrgertum hinein gesellschaftsf\u00e4hig, das besagte Zitat wurde Titelslogan des 1923 gegr\u00fcndeten nationalsozialistischen Hetzblattes \u201eDer St\u00fcrmer\u201c<\/p>\n<p><strong>Die Auseinandersetzung um die Treitschkestra\u00dfe in Steglitz<\/strong><\/p>\n<p>Wie geht man nun also mit einer nach Heinrich von Treitschke benannten Stra\u00dfe in unserem Bezirk um? Verherrlicht ein solcher Stra\u00dfenname einen der Wegbereiter des Antisemitismus in Deutschland? Wie w\u00e4hrt man der Anf\u00e4nge von Antisemitismus, wenn man jegliche Erinnerung daran kommentarlos aus dem Stra\u00dfenbild tilgt und in Vergessenheit geraten l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Bereits in der vorigen Legislaturperiode einigten sich die Z\u00e4hlgemeinschaftspartner B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen und CDU mit Mehrheit in der BVV aus diesen Erw\u00e4gungen heraus bereits auf den Ansatz der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erinnerungskultur\" target=\"_blank\">Erinnerungskultur<\/a> als Konzept im Umgang mit dem Stra\u00dfennamen, aber auch mit anderen St\u00e4tten oder Zeichen von Antisemitismus und Rassenhass: zentraler Ansatz ist der lebendige Diskurs, der Wissen und Meinungsbildung zum Thema aktuell h\u00e4lt. In diesem Rahmen wurden immer wieder Mahn- und Infostelen im Bezirk errichtet, Veranstaltungen abgehalten und Publikationen herausgegeben. Der an die Treitschkestra\u00dfe angrenzende Park wurde in \u201eHarry-Breslau-Park\u201c (nach einem der wichtigsten akademischen Kontrahenten im Antisemitismusstreit) umbenannt. Wichtiger Teil dieses Prozesses war nun die B\u00fcrgerbefragung der Anwohner und Anwohnerinnen der Treitschkestra\u00dfe. Sie waren per Brief des Bezirksamtes dazu aufgerufen, \u00fcber eine gew\u00fcnschte Umbennnung abzustimmen. Somit fand eine aktive pers\u00f6nliche Auseinandersetzung mit diesem Thema statt, die im schulischen Geschichtsunterricht in der Regel eher nur sehr kurz vorkommt. Aus genau diesem Grund macht es auch keinen Sinn -wie gelegentlich polemisch entgegen gehalten wird- etwa eine Hitlerstra\u00dfe einzurichten: dessen Taten werden im Geschichtsunterricht wesentlich breiter behandelt.<\/p>\n<p>Ein breites <a href=\"http:\/\/www.treitschkestrasse-umbenennen.de\/\" target=\"_blank\">B\u00fcndnis<\/a> rief die B\u00fcrger in diesem Zusammenhang dazu auf, f\u00fcr eine Umbenennung zu stimmen, um nach eingehender Auseinandersetzung nun ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Entsprechende Infomedien h\u00e4tten im Sinne der Erinnerungskultur aber auch dann weiter dar\u00fcber informiert, welcher Stra\u00dfenname hier einst war.<\/p>\n<p><strong>Die Befragung<\/strong><\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerbefragung endete mit Frist zum 17. Dezember 2012, eine Woche sp\u00e4ter gab es dazu eine \u00f6ffentliche Ausz\u00e4hlung der Stimmen:<\/p>\n<p>Insgesamt wurden 428 Abstimmungsbriefe versandt, 305 davon kamen zum Amt zur\u00fcck, was eine gute Beteiligung von 71,26% entspricht. Festhalten l\u00e4sst sich also, dass die B\u00fcrgerInnen generell Interesse an der Befragung zeigten. 15 Stimmzettel mussten leider als ung\u00fcltig angesehen werden, da sie nicht die Formalit\u00e4ten erf\u00fcllten.<\/p>\n<p>Das Ergebnis fiel mit 64 Stimmen (22,07%) f\u00fcr und 226 Stimmen (77,93%) gegen eine Umbenennung sehr deutlich aus.<\/p>\n<p><strong> Und wie weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis zeigt, dass weitere Aufkl\u00e4rungsarbeit zu Treitschke n\u00f6tig ist. Ein einfaches Abh\u00e4ngen der Stra\u00dfenschilder bewirkt keine tiefgreifende Reflektion \u00fcber Treitschke. Somit ist und bleibt die Treitschkestra\u00dfe ein Stolperstein im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Eine Umwidmung der Stra\u00dfe (z.B. nach dem Verwandten und Insektenforscher Treitschke wie von der Fraktion der Piratenpartei vorgeschlagen) ist keine angemessene Aufarbeitung.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nQuellen:<\/strong><\/p>\n<p>Prim\u00e4rquelle:<\/p>\n<p>Treitschke, Heinrich von: Unsere Aussichten, <a href=\"http:\/\/www.gehove.de\/antisem\/texte\/treitschke_1.pdf\">http:\/\/www.gehove.de\/antisem\/texte\/treitschke_1.pdf<\/a> (abgerufen am 20.08.2012)<\/p>\n<p>Sekund\u00e4rquelle:<\/p>\n<p>Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und \u00d6sterreich 1867\u20131914. G\u00f6ttingen 2004, S. 263.<\/p>\n<p>Die Befragungsergebnisse online beim Bezirksamt:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/ba-steglitz-zehlendorf\/verwaltung\/wahlamt\/buergerwille-treitschkestrasse.html\" target=\"_blank\">www.berlin.de\/ba-steglitz-zehlendorf\/verwaltung\/wahlamt\/buergerwille-treitschkestrasse.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Ende des letzten Jahres waren die AnwohnerInnen der hinter dem neuen Einkaufszentrum \u201eBoulevard Berlin\u201c an der Schlossstra\u00dfe gelegenen Treitschkestra\u00dfe aufgerufen \u00fcber den Namen ihrer Stra\u00dfe abzustimmen. Wer war Treitschke? 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