{"id":5145,"date":"2015-02-11T16:03:33","date_gmt":"2015-02-11T15:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/?p=5145"},"modified":"2016-11-23T20:05:03","modified_gmt":"2016-11-23T19:05:03","slug":"kommentar-stand-der-dinge-marginalisierung-und-nudging","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/aktuelles\/kommentar-stand-der-dinge-marginalisierung-und-nudging\/","title":{"rendered":"Kommentar: Stand der Dinge \u2013 Marginalisierung und Nudging"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von der \u00f6ffentlichen Analyse in den klassischen Medien wenig beachtet l\u00e4uft einer der gro\u00dfen Trends unserer Zeit: Marginalisierung, d.h. die Ausgrenzung von Individuen und Menschengruppen aus der Gesellschaft an ihren Rand. Was das bedeutet, zeigt sich an der aktuellen Entwicklung besonders in den Industrienationen.<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Automatisierung und Digitalisierung der Welt rutscht heute auch die breite Mittelschicht in die Gefahr des Verlustes ihres Jobs und damit einer wichtigen Quelle ihrer Rolle in der Gesellschaft. Dies trifft damit Menschen, deren Beziehungsgeflecht ohnehin schon deutlich ausged\u00fcnnt ist: Wohnen in der angestammten Nachbarschaft wird durch Gentrifizierung nicht mehr bezahlbar, Vereine aller Art haben Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel, (Ehe-)PartnerInnen werden immer mehr zu \u201eLebensabschnittsbegleitern\u201c, Kneipen und Kirchengemeinden als soziale Treffpunkt haben ihre Bedeutung weitenteils verloren.<\/p>\n<p>Der besagte Job (oder besser gesagt: der feste Arbeitsplatz) bot vormals eine sichere Rolle und damit auch eine Identit\u00e4t &#8211; man war einfach <!--more-->\u201ewer\u201c. Klassisches Beispiel war der Industriearbeiter in der Nachkriegszeit: die Arbeit war zwar hart &#8211; aber auch gut bezahlt, man behielt sie bis zur Rente und war halt \u201eder Jupp von der Fr\u00fchschicht\u201c, \u201eder Dieter aus der Werkstatt\u201c, etc. Gab es fr\u00fcher zum Beispiel Hunderte von Arbeitspl\u00e4tzen in einer Zeche, so ist diese nun geschlossen. Umfasste eine Schicht in einem Kraftwerk Dutzende Arbeiter, so wird das gesamte Kraftwerk nun von wenigen Experten per Mausklick gefahren, Industrieproduktion von Waren findet gr\u00f6\u00dftenteils in Niedriglohnl\u00e4ndern statt, selbst Dienstleistungen wie Call-Center werden nach Irland oder gar nach Indien ausgelagert.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bleibt damit bei uns ein entwurzelter Mensch, der eher vom Rande der Gesellschaft zuschaut, als aktiv an ihr teilzunehmen: Marginalisierung und Identit\u00e4tsverlust.<\/p>\n<p><strong>Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Insbesondere treffen diese Aussagen auch auf die Protagonisten der j\u00fcngsten Entwicklungen in Deutschland und Frankreich zu. Sowohl PEGIDA-Gr\u00fcnder Lutz Bachmann weist in seiner Biographie (Joblosigkeit, Kleinkriminalit\u00e4t, Flucht) ebenso Merkmale dieser Randst\u00e4ndigkeit auf wie die salafistischen CharlieHebdo-Attent\u00e4ter (Heimkinder, arbeitslos, Ghettojugend). Dies zeigt, wie grundlegend falsch die Analyse des NRW-Innenministers J\u00e4ger war, der PEGIDA sofort als \u201eNazis in Nadelstreifen\u201c bezeichnete &#8211; sie tragen keine Nadelstreifen, sondern \u201eJack Wolfskin\u201c und \u201eNorth Face\u201c.<\/p>\n<p>Die vielbeschworenen (und h\u00e4ufig verlachten\u2026) \u00c4ngste der PEGIDA-Anh\u00e4nger sind dabei die nach Verlust ihres Jobs, damit des Standes in der Gesellschaft und somit ihrer Identit\u00e4t. Eine der neueren rechten Bewegungen nennt sich daher gar \u201eDie Identit\u00e4ren\u201c: Nationalismus als letzte Identit\u00e4tsstiftung. Bekommen Menschen aus anderen L\u00e4ndern nach Flucht hier eine Starthilfe, so wird dies statt mit positivem Gef\u00fchl der Mitmenschlichkeit mit Neid bedacht.<\/p>\n<p>\u201eWIR sind das Volk\u201c-Rufe geben dabei schnell ein kurzes Gemeinschaftsgef\u00fchl ebenso wie die Anerkennung, die man nach radikalen Facebook-Kommentaren im eigenen Lager bekommt. Zusammen mit Forenartikeln und Kommentaren unter Online-Artikeln der klassischen Medien l\u00e4sst sich der Gemeinschafts-Kick quasi auf Knopfdruck erreichen, ohne aus dem Haus zu gehen und Menschen leibhaftig zu begegnen. Ein Kick, der nicht satt macht und schnell wiederholt werden muss &#8211; mit noch radikaleren Kommentaren, damit man noch mehr Reaktionen bekommt.<\/p>\n<p>Jenseits dieses Kicks findet sich ein \u00e4hnliches Gemeinschaftsgef\u00fchl immer h\u00e4ufiger nur noch in radikalen Gemeinschaften &#8211; vom salafistischen Jihad-\u201eBruder\u201c bis hin zu einem (wohl haupts\u00e4chlich in seiner eigenen Einbildung vorhandenen) \u201eTemplerorden\u201c, als dessen Mitglied und Vollstrecker sich der norwegische Massenm\u00f6rder Anders Behring Breivik w\u00e4hnte.<br \/>\nAuch wenn diese Beispiele Extreme aufzeigen machen sie die Zusammenh\u00e4nge klar und zeigen, dass weitere Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft nur zu noch mehr Gewalt f\u00fchren wird.<\/p>\n<p><strong>\u201eNudging\u201c &#8211; Marginalisierung professionell angewendet als politisches Machtmittel<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3843382999\/ref=as_li_qf_sp_asin_il_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3843382999&amp;linkCode=as2&amp;tag=wwwkultde-21&amp;linkId=FRBYWVL2KWEBRYUL\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-26 \" src=\"https:\/\/weltenmitwoertern.files.wordpress.com\/2015\/01\/nudge.jpg\" alt=\"nudge\" width=\"246\" height=\"359\" \/><\/a>Weiter \u00d6l in die Flammen gie\u00dft dabei ein politisches Machtmittel, welches gerade besonders aus England zu uns her\u00fcber geschwappt kommt: als \u201eNudging\u201c bezeichnet man das Vorgehen, Gruppen in \u201egute\u201c und \u201eschlechte\u201c Mitglieder aufzuteilen und die \u201eguten\u201c mit Privilegien zu belohnen und die \u201eschlechten\u201c durch Entzug von Rechten zu bestrafen &#8211; Zuckerbrot und Peitsche also statt Aufkl\u00e4rung und Respekt vor der W\u00fcrde des Menschen, eigene Entscheidungen zu treffen. Besonders im Gesundheitssektor ist dies stark auszumachen (s. z.B. <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article134388508\/Das-Nudging-soll-die-Deutschen-umerziehen.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article134388508\/Das-Nudging-soll-die-Deutschen-umerziehen.html<\/a>). Es bleibt in diesem Rahmen abzuwarten, wann die ersten Krankenkassen auf die Daten aus den neuen digitalen Armb\u00e4ndern zur Aufzeichnung von Kreislauf, Schlaf und Bewegung des Tr\u00e4gers zugreifen und entsprechend gestaffelte Tarife anbieten werden.<\/p>\n<p>Besonderer Vertreter auf dem Mediensektor in Deutschland ist Bertelsmann: \u00fcber die Stiftung werden immer wieder \u201eRankings\u201c \u00fcber Hochschulen und L\u00e4nder erstellt, die \u201egut\u201c von \u201eschlecht\u201c trennen &#8211; \u00fcber die Kriterien f\u00fcr die beiden Seiten entscheidet aber freilich Bertelsmann im Hintergrund. Deutlich wird der Ansatz auch im Bertelsmann-Fernsehen RTL: in Eigenproduktionen hei\u00dft es immer wieder \u201egut\u201c (Oberschicht) gegen \u201eschlecht\u201c (Unterschicht). Diese Linie zeigt sich in \u201eBig Brother\u201c mit seiner Aufteilung von in Keller lebenden Teilnehmern und denen oben im Haus bis hin zu \u201eDeutschland sucht den Superstar\u201c mit Jury (Oberschicht) und Bewerbern (Unterschicht), von den \u201eGeissens\u201c (Oberschicht) bis hin zu den Bewohnern des Nachmittagsprogramms (Unterschicht). \u00dcbliches Narrativ ist hier, dass es ein hilfloses Mitglied der Unterschicht gibt, das sich in Punkto Renovierung (\u201eEinsatz in 4 W\u00e4nden\u201c), Kindererziehung (\u201eSupernanny\u201c), Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung (\u201eKoch-Profis\u201c, etc.) der Steuerung durch nicht kritisierbare \u201eExperten\u201c hingeben muss, damit dann (nat\u00fcrlich innerhalb der vorgesehenen Sendezeit) schon alles gut wird. Respektvolle Darstellung eines Individuums aus der Mitte der Gesellschaft, welches sein Leben nach seinen eigenen Werten selbstbewusst gestaltet, kommt im Programm sehr selten vor&#8230;<br \/>\nAuf dem administrativen Feld stieg die Bundesregierung offiziell 2014 in dieses Business ein: so suchte und fand das Kanzleramt gleich drei Referenten zu diesem Thema (s. <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/kanzlerin-angela-merkel-sucht-verhaltensforscher-13118345.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/kanzlerin-angela-merkel-sucht-verhaltensforscher-13118345.html<\/a>) und zieht damit Premierminister Cameron in England mit seinem &#8220;Behavioral Insights Team&#8221; seit 2010 nach, dass sich ziemlich schnell den Kampfnamen &#8220;Nudge-Unit&#8221; verdiente.<\/p>\n<p><strong>Was tun?<\/strong><\/p>\n<p>Zentralisiertes Handeln und zwanghafte Kollektivierung im Sinne von Zwangsmitgliedschaften in (Jugend-)Organisationen wie es in jeder Diktatur gibt (z.B. FDJ) mit vorgegebenen Ritualen kann nicht der gewollte Weg zu Gemeinschaftsgef\u00fchl sein. Jeder von uns kann nur an seiner ganz eigenen Stelle \u00fcberlegen, wo er Integration und Gemeinschaft am Arbeitsplatz oder im Privatleben bieten kann. Auch das Kulturleben kann hier einen Beitrag leisten mit gemeinsamen sch\u00f6pferischen T\u00e4tig sein und sonstigen Anl\u00e4ssen zu gemeinsamem Treffen, Reden und Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der \u00f6ffentlichen Analyse in den klassischen Medien wenig beachtet l\u00e4uft einer der gro\u00dfen Trends unserer Zeit: Marginalisierung, d.h. die Ausgrenzung von Individuen und Menschengruppen aus der Gesellschaft an ihren Rand. 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