{"id":5785,"date":"2015-10-22T15:22:22","date_gmt":"2015-10-22T13:22:22","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/?p=5785"},"modified":"2015-10-22T15:22:22","modified_gmt":"2015-10-22T13:22:22","slug":"ungesuehnte-nazi-justiz-ein-stueck-historie-der-freien-universitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/aktuelles\/ungesuehnte-nazi-justiz-ein-stueck-historie-der-freien-universitaet\/","title":{"rendered":"&#8220;Unges\u00fchnte Nazi-Justiz&#8221; &#8211; Ein St\u00fcck Historie der Freien Universit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>In den Jahren 1956 bis 1959 erarbeiteten etwa einhundert Studierende aus liberalen, sozialistischen, evangelischen Studierendengruppen und hochschulpolitisch nicht gebundene Studierende die Dokumente zu NS-Verbrechen und personellen Kontinuit\u00e4ten von deutschen Juristen. Die Pr\u00e4sentation in Karlsruhe ab Nov. 1959 und etwa 20 bis 30 Universit\u00e4tsst\u00e4dten in Deutschland, den Benelux-Staaten und im Vereinigten K\u00f6nigreich l\u00f6ste eine wichtige, heftige Debatte aus. Diese trug wesentlich zu Gesetzesinitiativen und dem Ausscheiden aus dem Amt von etwa 150 schwer belasteten NS-Juristen aus dem Amt bei und leistete so einen wesentlichen Beitrag zur Demokratisierung des Justizwesens in der alten Bundesrepublik. <\/strong><\/em><\/p>\n<div style=\"width: 305px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f6\/Freie_Universitaet_Berlin_-_Talare.jpg\/800px-Freie_Universitaet_Berlin_-_Talare.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f6\/Freie_Universitaet_Berlin_-_Talare.jpg\/800px-Freie_Universitaet_Berlin_-_Talare.jpg\" alt=\"\" width=\"295\" height=\"221\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Talare der Uni-Dekane (Foto: Torinberl\/Wikipedia)<\/p><\/div>\n<p>Die Mehrheit der Deutschen und aller damaliger politischer Parteien war vor 55 Jahren weitgehend gegen die offene Thematisierung der NS-Justizverbrechen eingestellt. Der Senat von Berlin unter W. Brandt lies Universit\u00e4ten als Ausstellungsorte untersagen und erkl\u00e4rte sich gegen die Steglitzer Pionierausstellung. Dass diese dennoch pr\u00e4sentiert werden konnte, ist der Sachlichkeit des Ausstellungskuratoriums mit Dahlemer Theologieprofessoren und Einzelpers\u00f6nlichkeiten zu danken. Ohne ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung wie etwa amerikanische und Schweizer Journalisten, dem Warschauer Justizministerium und besonders <!--more-->dem Unterhaus in London w\u00e4re die Ausstellung eventuell verhindert worden und h\u00e4tte nicht so erfolgreich sein k\u00f6nnen. Die israelische Regierung betrachtete die Steglitzer Ausstellung mit sehr gro\u00dfem Interesse und lud den Initiator Reinhard Strecker im Fr\u00fchjahr 1960 ein, bei der wissenschaftlichen Vorbereitung des Eichmann-Prozesses mitzuarbeiten, was dieser annahm. Nach Aussage eines fr\u00fcheren Botschaftsrates soll der damalige FU-Student Strecker als Wiederbegr\u00fcnder der deutsch-polnischen Beziehungen nach 1945 gelten. Die Ausstellung hat somit wichtiges neues Vertrauen zu europ\u00e4ischen Nachbarstaaten geschaffen. Mit der Hinweistafel P\u00fccklerstr. 42 in Dahlem auf Gespr\u00e4che mit einem Moskauer Botschafter in den sechziger Jahren ist schon einmal der Wert des Dialogs zur \u00dcberwindung von Unrecht, Kriegserfahrungen und Feindbildern im europ\u00e4ischen Kontext anerkannt worden.<\/p>\n<p>Die Botschaft Israels begr\u00fc\u00dfte am 10.06.15 einen kurzen hebr\u00e4ischen Text. Die Regierung in Warschau pr\u00fcft seit 8. Sept. 2014 die Verleihung eines polnischen Verdienstordens an den Initiator R. Strecker. Die Britische Regierung hatte im April 1960 sehr stark und unterst\u00fctzend reagiert, aber aktuell noch keine Positionierung zum Vorschlag auch eines kurzen englischen Textes abgegeben. Das Bundesministerium f\u00fcr Justiz bewertet die Steglitzer Ausstellung seit 1989 sehr positiv. Der Vorsitzende der SPD, Sigmar Gabriel, bekundete am 17.10.2014 seinen \u201cDank und h\u00f6chsten Respekt\u201d f\u00fcr die Lebensleistung des Ausstellungsinitiators. Die Senatsverwaltung f\u00fcr Justiz unterst\u00fctzte am 12. Mai 15 den Vorschlag zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an Strecker, welches am 24. August 2015 in der Senatsverwaltung f\u00fcr Kultur durch den Staatssekret\u00e4r \u00fcbergeben werden soll. Die stellv. Vorsitzende des Petitionsausschusses des AGH r\u00e4umte am 18.06.2015 einen \u201cunzweifelhaft falschen Umgang\u201d mit dem Ausstellungsprojekt vor 55 Jahren ein und deutete an, dass es in der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung im Herbst eine ganzt\u00e4tige Veranstaltung zum Thema geben soll.<\/p>\n<p><em><strong>Chance zur inneren Befriedung<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Von 1968 bis heute sind die Beziehungen zwischen Studierenden und der Exekutive auch von Misstrauen und Zynismus bestimmt. Bundesminister kommen an Universit\u00e4ten \u00f6fter nicht zu Wort, werden \u201cweggejubelt\u201d, z.B. Bundesminister Thomas de Mazi\u00e8re am 10.04.2013 an der Humboldt-Uni. Auf der Basis einer st\u00e4ndig sinkenden Wahlbeteiligung muss von einer abnehmenden Identifikation mit unserem politischen System ausgegangen werden. Eine positive, \u00f6ffentliche W\u00fcrdigung der studentischen Pionierausstellung in Steglitz w\u00e4re eine wichtige Ermutigung f\u00fcr gewaltfreie Aktionen zur Demokratisierung, die mittelfristig und im R\u00fcckblick auch sehr erfolgreich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Jahren 1956 bis 1959 erarbeiteten etwa einhundert Studierende aus liberalen, sozialistischen, evangelischen Studierendengruppen und hochschulpolitisch nicht gebundene Studierende die Dokumente zu NS-Verbrechen und personellen Kontinuit\u00e4ten von deutschen Juristen. 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