{"id":9176,"date":"2021-06-11T12:54:12","date_gmt":"2021-06-11T10:54:12","guid":{"rendered":"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/?p=9176"},"modified":"2022-02-26T18:42:56","modified_gmt":"2022-02-26T17:42:56","slug":"das-juedische-siechenheim-im-jungfernstieg-eine-kurze-chronologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/politik\/das-juedische-siechenheim-im-jungfernstieg-eine-kurze-chronologie\/","title":{"rendered":"Das J\u00fcdische Siechenheim im Jungfernstieg \u2013 eine kurze Chronologie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Gesellschaftshaus im Jungfernstieg<\/strong><\/p>\n<p><em><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-9178\" src=\"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Bildschirmfoto-2021-06-11-um-12.30.09-1024x868.png\" alt=\"\" width=\"336\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Bildschirmfoto-2021-06-11-um-12.30.09-1024x868.png 1024w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Bildschirmfoto-2021-06-11-um-12.30.09-300x254.png 300w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Bildschirmfoto-2021-06-11-um-12.30.09-768x651.png 768w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Bildschirmfoto-2021-06-11-um-12.30.09.png 1180w\" sizes=\"(max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><br \/>\nBis in die 1960er Jahre hinein stand im Berliner Stadtteil Lichterfelde im Jungfernstieg ein stattliches Geb\u00e4ude mit einer wechselvollen Geschichte. Es wurde 1870 als Gesellschaftshaus erbaut, beherbergte \u00fcber 50 Jahre ein privates Sanatorium f\u00fcr Nervenkranke und Erholungsbed\u00fcrftige das Goldstein \u0301sche Sanatorium wurde ab 1940 als J\u00fcdisches Siechenheim genutzt, Ende des Krieges teilweise zerst\u00f6rt und schlie\u00dflich 1962 abgerissen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In der Gr\u00fcnderzeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstanden im Umland Berlins neue Wohnviertel f\u00fcr das wohlhabende B\u00fcrgertum und mit ihnen Ausflugsziele f\u00fcr die gehobene Berliner Gesellschaft. Die Villenkolonie in Lichterfelde, auch als Carsten`sche Villenkolonie bekannt, und das Gesellschaftshaus im Jungfernstieg 14 stammen aus dieser Zeit.<\/p>\n<p><strong>Der Architekt Johannes Otzen (1839-1911)<\/strong><\/p>\n<p>Der Architekt des Gesellschaftshauses Johannes Otzen (* 8. Oktober 1839 in Sieseby, Schleswig-Holstein, \u2020 8. Juni 1911 in Berlin-Grunewald) war Architekt, Kirchenbaumeister, Stadtplaner, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer. Er wirkte vor allem in Berlin und Norddeutschland. Otzen f\u00fchrte die vom Stadtentwickler Carstenn 1863 begonnene st\u00e4dtebauliche Gesamtplanung der Villenkolonien Lichterfelde aus, in deren Rahmen nach seinen Pl\u00e4nen neben dem Gesellschaftshaus mehrere Villen entstehen. Weitere Bauten Otzens in Berlin sind z.B. die Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg sowie die Lutherkirche in Sch\u00f6neberg.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Das Gesellschaftshaus 1870-1889<\/strong><\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Das Gesellschaftshaus wird 1870\/71 erbaut und ist umgeben von einem sp\u00e4ter schattigen zwei Hektar gro\u00dfen Park mit kleinem See. Das Grundst\u00fcck, dessen zentraler Eingang im Bogen des Jungfernstiegs vor der Boothstra\u00dfe liegt, wird an den Seiten linkerhand von der Gemarkungsgrenze nach Lankwitz und rechterhand von der Gartenstra\u00dfe begrenzt und erh\u00e4lt die Hausnummer 14, die jedoch nicht der heutigen Nummerierung entspricht. Hinter dem Haus verl\u00e4uft parallel zu den Bahngleisen der Anhalter Eisenbahn-Gesellschaft die Blumenstra\u00dfe, die heute gemeinsam mit der Gartenstra\u00dfe den Namen Bruno-Walter-Stra\u00dfe tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Otzen entwirft ein zweist\u00f6ckiges, ockerfarbenes Backsteingeb\u00e4ude im neogotischen Stil mit von Holzpergolen bedeckten Terrassen und Balkonen sowie einem dombekr\u00f6nten Turm. Es beherbergt ein Restaurant, mehrere Zimmer als \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr Wochenendausfl\u00fcgler, verschiedene S\u00e4le, eine Kegelbahn, Billardtische und einen Lesesalon.<\/p>\n<p>In unmittelbarer N\u00e4he er\u00f6ffnet 1868 die Eisenbahngesellschaft durch Finanzierung Carstenns den Bahnhof Lichterfelde, heute Lichterfelde-Ost. Hier verkehren nun die wohlhabenden Lichterfelder*innen und G\u00e4ste aus dem nahen Berlin, doch reichten die Besucherzahlen f\u00fcr einen wirtschaftlichen Betrieb des Gesellschaftshauses wohl nicht lange aus.<\/p>\n<p><strong>Das Privatsanatorium f\u00fcr Nervenkranke und Erholungsbed\u00fcrftige 1889-1939<\/strong><\/p>\n<p>1889 erwerben der Arzt Dr. Max Goldstein und der Kaufmann Jacques Aron das Gesellschaftshaus und bauen es zu einem Sanatorium f\u00fcr Nervenkranke und Erholungsbed\u00fcrftige um, das im Juni 1889 den Betrieb aufnimmt. Nun gibt es im Erdgescho\u00df neben<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>dem gro\u00dfen Speisesaal, ein Sprechzimmer und ein Behandlungszimmer der \u00c4rzte sowie ein Wartezimmer, ein Lese- und Bibliothekszimmer, die K\u00fcche sowie weitere Wirtschaftsr\u00e4ume und R\u00e4ume f\u00fcr das Personal. Hinzukommen \u201e[&#8230;] neben den Wohnungen der dirigirenden \u00c4rzte einige zwanzig grosse Krankenzimmer, welche zum Teil auf Balkons, zum Teil auf Veranden m\u00fcnden<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>und durch letztere direkten Zutritt zum Garten gew\u00e4hren.\u201c<\/p>\n<p>Neben den beiden Nerven\u00e4rzten Dr. Goldstein und Dr. Lilienfeld sind in der Regel ein Verwaltungsleiter, eine Oberschwester, etwa zehn Krankenpfleger*innen sowie weitere Hausangestellte t\u00e4tig. Aufgenommen werden neben erholungsbed\u00fcrftigen Privatpatient*innen, solche mit funktionellen und organischen Erkrankungen des Nervensystems oder Morphium- und Alkoholabh\u00e4ngigkeit zur tempor\u00e4ren Behandlung. Ausdr\u00fccklich ausgeschlossen von der Behandlung sind \u201eGeistes- und Infektionskrankheiten aller Art\u201c.<\/p>\n<p>1892 l\u00e4sst sich Jacques Aron im Jungfernstieg 12a eine repr\u00e4sentative Villa bauen, die noch heute den Namen Haus Aron tr\u00e4gt.\u00a0Bereits zehn Jahre nach der Er\u00f6ffnung wird das Sanatorium 1899 im hinteren Grundst\u00fccksbereich an der Blumenstra\u00dfe 9 durch einen dreigeschossigen Neubau erweitert, der mit dem Gesellschaftshaus durch einen langen Wandelgang verbunden ist. Das Haus verf\u00fcgt nun insgesamt \u00fcber 38 Krankenzimmer, die auch im Neubau zum Garten hin zum Teil mit Balkonen ausgestattet sind.\u00a0In den folgenden Jahren erh\u00e4lt das Grundst\u00fcck an der Grenze zu Lankwitz einen Gartenpavillon und eine h\u00f6lzerne Sommerkegelbahn, einen Pferdestall, der sp\u00e4ter als Garage und Leichenhalle genutzt wird, ein Gew\u00e4chshaus und einen Wirtschaftsgarten.<\/p>\n<p>Ab Mai 1895 f\u00fchrt eine eingleisige Stra\u00dfenbahnlinie vom Bahnhof Lichterfelde durch den Jungfernstieg und die Boothstra\u00dfe zum Bahnhof Steglitz. Eine Haltestelle liegt direkt vor der T\u00fcr des Sanatoriums.<\/p>\n<p>In dem viele Jahre sp\u00e4ter aus der Erinnerung gezeichneten Lageplan des Grundst\u00fccks fehlt der in der Beschreibung des Gesellschaftshauses erw\u00e4hnte See, der wahrscheinlich aber erst in den 1940er Jahren zugesch\u00fcttet wurde.<\/p>\n<p>Anfang 1900 erwirbt Max Goldstein schr\u00e4g gegen\u00fcber im Jungfernstieg 18 eine Villa als Wohnhaus der Familie.<\/p>\n<p>Mit dem Tod des Mitbegr\u00fcnders Jacques Aron wird er alleiniger Besitzer des Sanatoriums.<\/p>\n<p>Als Max Goldstein im M\u00e4rz 1918 im Alter von 63 Jahren stirbt, \u00fcbernehmen seine Witwe Julie Goldstein die Verwaltungsleitung und Anfang der 20er Jahre ihr Bruder, der Sanit\u00e4tsrats Dr. Carl Oestreicher die \u00e4rztliche Leitung des Hauses, das nun unter dem Namen Sanatorium Lichterfelde gef\u00fchrt wird. Dr. Carl Oestreicher war zudem Leiter einer Nervenheilanstalt in Niedersch\u00f6nhausen.<\/p>\n<p>Infolge eines Brandes m\u00fcssen in den 1920er Jahren die Kuppel sowie das Dachgeschoss des Haupthauses umgebaut werden. Dabei wird das Kuppeldach durch ein einfaches Spitzdach ersetzt.<\/p>\n<p>1926 kommen Dr. Ernst Levy als Haus- und Nervenarzt und 1927 Assistenzarzt Manfred Sakel an das Sanatorium.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Aufzeichnungen Sakels lassen R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Klientel des Sanatoriums zum Ende der 20er Jahre zu: aus einem Zufall heraus entwickelte er w\u00e4hrend seiner Zeit im Goldstein \u0301schen Sanatorium die Insulinschocktherapie, mit der er, wie er schreibt, in Folge \u201eeine Vielzahl morphiums\u00fcchtiger Schauspieler, K\u00fcnstler und \u00c4rzte in der Entzugstherapie behandelte\u201c.<\/p>\n<p>Anfang 1930 l\u00f6st Dr. Kurt Mendel, Sohn des Berliner Neurologen Emanuel Mendel, Carl Oestreicher als Leitung des Hauses ab.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung geht Sakel 1933 zun\u00e4chst nach Wien, sp\u00e4ter emigriert er nach New York, wo er 1957 stirbt. Seine Stelle \u00fcbernimmt Dr. Martin Kuttner.<\/p>\n<p>Wie konkret das Goldstein \u0301sche Sanatorium und seine Mitarbeiter*innen von den antij\u00fcdischen Boykottma\u00dfnahmen, insbesondere denen am 1. April 1933, betroffen war, ist nicht bekannt. Im ganzen Land stehen andiesem Tag uniformierte, teils auch bewaffnete SA-, HJ- und Stahlhelm-Posten vor j\u00fcdischen Gesch\u00e4ften, aber auch Arztpraxen und Anwaltskanzleien und hindern etwaige Besucher*innen daran, diese zu betreten. Schilder und Plakate fordern: \u201eDeutsche! Wehrt euch! \u2013 Meidet j\u00fcdische \u00c4rzte!\u201c. Praxisschilder werden mit dem Aufkleber \u201eAchtung Jude! Besuch verboten!\u201c \u00fcberklebt.<\/p>\n<p>1935 stirbt Julie Goldstein und ihre Tochter Charlotte Goldstein \u00fcbernimmt die Leitung des Hauses. Unter den Repressionen des NS- Regimes wird es f\u00fcr sie jedoch zunehmend schwerer, das Sanatorium in seiner bisherigen Form zu betreiben. Ein Gro\u00dfteil der Zimmer ist inzwischen mit \u00e4lteren Dauerbewohnern belegt. Auch wird ihr, so schildert sie es Ende der 1950er Jahre in einem Wiedergutmachungsverfahren, ein \u201eAufseher\u201c beige-ordnet, der sie immer wieder bedr\u00e4ngte, Grundst\u00fcck und Sanatorium zu verkaufen.<\/p>\n<p>Gab es Ende 1936 in Berlin noch rund 2.140 j\u00fcdische \u00c4rzte und \u00c4rztinnen, so reduziert sich diese Zahl bis zum Juli 1938 auf rund 1.560.\u00a0Mit der 4. Verordnung zum Reichsb\u00fcrgergesetz wird zum 30. September 1938 ausnahmslos allen j\u00fcdischen \u00c4rzten und \u00c4rztinnen die Approbation entzogen. Um dennoch eine \u00e4rztliche Versorgung j\u00fcdischer Patienten zu erm\u00f6glichen, wird der Begriff des \u201eKrankenbehandlers\u201c eingef\u00fchrt, unter dem nun j\u00fcdische \u00c4rzt*innen ausschlie\u00dflich j\u00fcdische Patient*innen behandeln d\u00fcrfen. Die Zahl der hierf\u00fcr zugelassenen \u00c4rzt*innen ist streng limitiert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr Berlin wird ein Verh\u00e4ltnis von einem Arzt auf 1.200 Juden festgelegt und \u00fcber den Zeitraum von 1938 bis 1945 etwa 370 Krankenbehandler*innen die Zulassung erteilt.<\/p>\n<p>Diese m\u00fcssen nun sowohl j\u00fcdische Einrichtungen und Anstalten versorgen wie auch alle fach\u00e4rztlichen Leistungen \u00fcbernehmen. Das Sanatorium Lichterfelde z\u00e4hlt zu den wenigen Berliner Privatkliniken in j\u00fcdischer Hand, die zun\u00e4chst noch toleriert werden.<\/p>\n<p>Dr. Ernst Levy und Dr. Kurt Mendel erhalten eine Zulassung als Krankenbehandler f\u00fcr Nervenkrank- heiten. W\u00e4hrend Ernst Levy im Sanatorium bleibt, verl\u00e4sst Dr. Mendel das Haus nach fast 20 Jahren.16 Ob das f\u00fcr Krankenbehandler*innen vorgeschrie- bene blaue Praxisschild mit blauem Davidstern auf gelbem Kreis nun im Au\u00dfenbereich des Sanatori- ums angebracht werden muss, lie\u00df sich bisher nicht ermitteln.<\/p>\n<p><strong>Das J\u00fcdische Siechenheim 1939 \u2013 1941<\/strong><\/p>\n<p>Nach den Novemberpogromen 1938 steigt die Zahlder Ausreiseantr\u00e4ge sprunghaft an: Bis Kriegsbeginn emigrieren noch einmal etwa 32.000 Juden und J\u00fcdinnen aus Berlin. Wer kann, verl\u00e4sst das Land.<\/p>\n<p>Auch Dr. Martin Kuttner emigriert mit seiner Familie nach England. Wer bleiben muss, den zwingt der Erlass des \u201eGesetzes \u00fcber Mietverh\u00e4ltnisse mit Juden\u201c im April 1939 nicht selten zur Aufgabe der eigenen Wohnung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zudem werden Juden und J\u00fcdinnen aus \u00f6ffentlichen Heimen ausgeschlossen, so dass 1939 die Zahl der j\u00fcdischen Alten und Pflegebed\u00fcrftigen stark ansteigt. Allein in Berlin gibt es 3.000 Vormerkungen f\u00fcr einen Altersheim- und 300 f\u00fcr einen Siechenplatz. Zwar gibt es in der Stadt 13 j\u00fcdische Altersheime mit 1.683 Pl\u00e4tzen und 2 Siechenheime mit 265 Betten. Diese sind aber bereits mehr als voll belegt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Dr. Kuttner kommt um 1938 der Hamburger Dr. Ernst Levy als Nerven- und Hausarzt an das Sanatorium.<\/p>\n<p>Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, ein im Juli 1939 zwangsweise angeordneter Zusammenschluss aller j\u00fcdischen Verb\u00e4nde und Gemeinden, dem die Verantwortung f\u00fcr die Organisation und Finanzierung der j\u00fcdischen Wohlfahrtspflege \u00fcbertragen wird, bem\u00fcht sich, weitere Pl\u00e4tze zu schaffen, indem sie die Kapazit\u00e4ten bestehender Einrichtungen ausweitet, zus\u00e4tzliche H\u00e4user, meist aus zwangsverwaltetem j\u00fcdischen Besitz, anmietet und bestehende j\u00fcdische Einrichtungen umwidmet.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund tritt die Reichsvereinigung im Sommer 1939 auch an Charlotte Goldstein heran. Da diese sich inzwischen entschlossenen hat ihrer Familie in die Emigration nach Schweden zu folgen, kommt es im Herbst 1939 zu Verhandlungen \u00fcber einen Pachtvertrag.<\/p>\n<p>Der Entwurf des Vertrages20 sieht zun\u00e4chst eine Geltungsdauer von drei Jahren und einen monatlichen Pachtzins von 1.000 RM vor.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Reichsvereinigung wird das gesamte Inventar des Sanatoriums erwerben und verpflichtet sich, das Personal, soweit m\u00f6glich, zu den bisherigen Bedingungen zu \u00fcbernehmen. Anderenfalls erh\u00e4lt das Personal entsprechende Abfindungen. Auch ein bisher im Sanatorium besch\u00e4ftigte Arzt soll \u00fcbernommen werden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Allen Insassen, so sieht es der Vertrag vor, kann bis zum n\u00e4chsten vertraglich zul\u00e4ssigen Termin gek\u00fcndigt werden. Bis dahin soll die Reichsvereinigung aber deren Betreuung gem\u00e4\u00df der laufenden Vertr\u00e4ge \u00fcbernehmen. Charlotte Goldstein, so wird vereinbart, wird f\u00fcr eine \u00dcbergangszeit die Leitung des Hauses beibehalten.<\/p>\n<p>Nachdem der Vertrag im November 1939 unterzeichnet wird, emigriert sie jedoch bereits im Dezember mit ihrer Schwester und den Kindern nach Schweden. Dr. Ernst Levy bleibt als Krankenbehandler weiterhin im Jungfernstieg 14 t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Noch vor Verpachtung an die Reichsvereinigung w\u00e4re es beinahe schon einmal zur Schlie\u00dfung des Sanatoriums gekommen: Das Tiergesundheitsamt der Landesbauernschaft Kurmark musste seine Amtsr\u00e4ume in der Reinhardtstra\u00dfe in Berlin-Mitte r\u00e4umen. Als neuen Sitz f\u00fcr die Dienststelle hatte man sich das Geb\u00e4ude des Goldstein \u0301schen Sanatoriums in Lichterfelde ausgesucht und eine Zwangsarisierung des Grundst\u00fccks beantragt. Diese wurde jedoch, aus heute unbekannten Gr\u00fcnden, vom Oberb\u00fcrgermeister der Stadt abgelehnt.<\/p>\n<p>Zum 1.2.1940 wird das Sanatorium Lichterfelde von der Reichsvereinigung \u00fcbernommen und in ein Alten- bzw. Siechenheim umgewandelt. Hierbei bleibt der \u00e4u\u00dfere Zustand der Geb\u00e4ude und des Parkes zun\u00e4chst weitgehend unver\u00e4ndert. Die Belegung der H\u00e4user wird jedoch stark erh\u00f6ht und bis Ende 1941 auf mehr als 80 Insassen anwachsen.<\/p>\n<p>In dieser Zeit kommen Hermann Doeblin als wirtschaftlicher Verwalter und Dr. Eugen Messerschmidt als weiterer Arzt in den Jungfernstieg. Margarethe Elkan, die bereits unter Charlotte Goldstein das Haus als Wirtschaftsleiterin f\u00fchrte, wird ebenso wie einige Krankenschwestern und -pfleger sowie Hausangestellte von der Reichsvereinigung \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Schon bald beherbergt das J\u00fcdisches Siechenheim nicht nur \u00e4lterer Mitbewohner*innen Berlins, sondern dient der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland auch zur Unterbringung der aus anderen Gebieten und St\u00e4dten ausgewiesenen J\u00fcdinnen und Juden. So kommen von Februar bis Mai 1940 rund 40 vorher in Schneidem\u00fchl (Westpreu\u00dfen) inhaftierte Menschen in den Jungfernstieg.<\/p>\n<p>2Allein am 27. Februar werden neun Personen mit einem Krankentransport aus Schneidem\u00fchl in das Siechenheim \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>1941 finden sich f\u00fcr den Jungfernstieg 18 im Berliner Adressbuchs statt der bisher dort \u00fcber Jahrzehnte aufgef\u00fchrten Familie Goldstein zwei neue Bewohnerinnen: Margarethe Elkan und Berta Jacoby, beide Mitarbeiterinnen des Siechenheimes.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wahrscheinlich wohnen mit ihnen noch weitere Besch\u00e4ftigte des Hauses im ehemaligen Wohnhaus der Familie Goldstein, werden die bisherigen Personalwohnungen im Jungfernstieg 14 doch zur Unterbringung weiterer Bewohner ben\u00f6tigt<\/p>\n<p>Zum 1. April 1941 \u00fcbernimmt die J\u00fcdische Gemeinde Berlins, die sich mit diesem Datum J\u00fcdische Kultusvereinigung zu Berlin e.V. nennen muss, von der Reichsvereinigung den Pachtvertrag mit den Goldstein \u0301schen Erben und die Verwaltung des Siechenheimes.<\/p>\n<p>Wie auch in anderen von der Reichsvereinigung oder der Kultusvereinigung betriebenen Heimen verschlechtern sich die Lebensbedingungen im Siechenheim von Monat zu Monat. Mehrere Menschen teilen sich die in der Zeit des Sanatoriums als Einzelzimmer vorgesehenen R\u00e4ume, die Verpflegung wird einfacher und einfacher, und wer kann, wird zur Mitarbeit in Haus und Garten herangezogen.<\/p>\n<p>Den Insassen, so sieht es eine Anweisung der Reichsvereinigung vor, soll \u201elediglich ein Bett, ein Stuhl und ein Schrank verbleiben; das \u00fcbrige Mobiliar ist zu entfernen, um eine dichtere Belegung der Heime zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p>Zum Ende des Jahres muss das Siechenheim im Dezember 1941 auf Anweisung des RSHA ger\u00e4umt werden. Bereits im November 1941 finden sich die ersten Namen von Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen des Heims auf den Deportationslisten der Gestapo.<\/p>\n<p>Die \u00fcbrigen rund 80 Insassen werden zum gr\u00f6\u00dften Teil im Altenheim in der Els\u00e4sser Stra\u00dfe 85 aufgenommen.<\/p>\n<p>Einzelne kommen in andere Heime oder als Untermieter in Privatwohnungen unter. Das Personal wird zun\u00e4chst in anderen Heimen und Lagern weiterbesch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Das ehemalige Wohnhaus der Goldsteins im Jungfernstieg 18 wird bereits im September 1941 von der Reichspost \u00fcbernommen und sp\u00e4ter dem auf dem Nachbargrundst\u00fcck Jungfernstieg 19 wohnenden und arbeitenden Forscher Manfred von Ardenne \u00fcberlassen, der in dem Haus ein Forschungslabor einrichtet.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst sind nicht alle Namen derer bekannt, die zwischen 1939 und 1941 im j\u00fcdischen Siechenheim in Lichterfelde lebten und arbeiteten. Im Rahmen der Recherche fanden sich Hinweise auf mehr als 120 Menschen. F\u00fcr bisher drei\u00dfig von ihnen konnten, wenn auch oft nur l\u00fcckenhaft, Spuren ihres Lebens zusammengetragen werden. Ein Gro\u00dfteil der aus anderen Teilen des Landes in das Heim \u00fcberf\u00fchrten Menschen starb bis zur Schlie\u00dfung des Hauses.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Bei mindestens vier von ihnen war es eine erzwungene Flucht in den Tod. Von den namentlich bekannten 26 Mitarbeiter*innen \u00fcberlebten nur drei den Holocaust. Mehr als 45 Menschen wurden, meist mit ihren Familienangeh\u00f6rigen, mit den Ost- und Alterstransporten zwischen 1941 und 1944 aus Berlin in Vernichtungslager deportiert und kamen dort um.<\/p>\n<p>Familie Goldstein kehrte nach ihrer Emigration nicht mehr nach Deutschland zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nach Aufl\u00f6sung des Siechenheimes 1942 &#8211; 1945<\/strong><\/p>\n<p>Zum Ende des Jahres 1941 beschlagnahmt die SS das Gel\u00e4nde im Jungfernstieg 14 und nutzt die Geb\u00e4ude als SS-Kaserne. Nun ziehen Soldaten einer Wachkompanie in das ehemalige Gesellschaftshaus.<\/p>\n<p>Der Wandelgang zwischen den beiden H\u00e4usern wird ebenso abgerissen wie der Holzpavillon und die Sommerkegelbahn. An den Grundst\u00fccksecken werden Wacht\u00fcrme errichtet und aus der Liegewiese durch Aufsch\u00fctten von Schlacke ein Appellplatz gemacht, der von zwei Stein- und einer Holzbaracke begrenzt ist. Hinter der Holzbaracke wird ein Schwimmbassin ausgehoben.<\/p>\n<p>In der Lankwitzer Bombennacht vom 23.August 1943 werden nahezu 85 % der Geb\u00e4ude der Stadtteile S\u00fcdende, Lankwitz und Lichterfelde-Ost zerst\u00f6rt. Auch die Geb\u00e4ude des Jungfernstieg 14 und 18 sind davon betroffen. Dach und Obergeschoss des Gesellschaftshauses brennen nahezu vollst\u00e4ndig aus.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Sie werden abgetragen und das Erdgeschoss erh\u00e4lt ein Behelfsdach. Der Erweiterungsbau des Jahres 1899 ist vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Er wird unter Einsatz von Zwangsarbeitern abgetragen und Teile des Baumaterials zur Errichtung einer weiteren Steinbaracke auf dem Gel\u00e4nde genutzt.<\/p>\n<p>Das Wohnhaus im Jungfernstieg 18 ist so sehr zerst\u00f6rt, dass es nicht mehr bewohnt werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ab Mai 1945<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-9181\" src=\"http:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/siechenheim1-1-1024x828.jpg\" alt=\"\" width=\"384\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/siechenheim1-1-1024x828.jpg 1024w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/siechenheim1-1-300x242.jpg 300w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/siechenheim1-1-768x621.jpg 768w, https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/siechenheim1-1.jpg 1220w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/>Nach dem Krieg sind Geb\u00e4ude und Grundst\u00fcck im Jungfernstieg 14 in einem desolaten Zustand. Sie werden zun\u00e4chst von der amerikanischen Armee genutzt, die auf dem Gel\u00e4nde einen Motorenpark unterbringt.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1946 pachtet die Firma BRAM Chemische Fabrik und Seruminstitut, die urspr\u00fcnglich in Berlin-Zehlendorf ans\u00e4ssig war, das Hauptgeb\u00e4ude und einige der Baracken.<\/p>\n<p>Zudem \u00fcbernimmt das Bezirksamt Steglitz zwei Baracken und richtet dort Lehrwerkst\u00e4tten ein.38 Auf diese Weise werden Gel\u00e4nde und Geb\u00e4ude noch bis in die 1960er Jahre hinein genutzt.<\/p>\n<p>1962 erfolgt der Abriss aller Geb\u00e4ude und die wechselvolle Geschichte des Gesellschaftshauses findet nach gerade einmal 90 Jahren ihr Ende.<\/p>\n<p>Mitte der 1960er Jahre wird das Grundst\u00fcck neu parzelliert und mit dreist\u00f6ckigen Mietsh\u00e4usern bebaut. Vom einstigen Park mit See finden sich heute keine Spuren mehr.<\/p>\n<p>Auch das Geb\u00e4ude im Jungfernstieg 18 existiert nicht mehr. Einzig die Villa Aron im Jungfernstieg 12a ist bis heute erhalten geblieben.<\/p>\n<p>Nina Haeberlin<\/p>\n<p>Stolpersteininitiative der Markusgemeinde Berlin-Steglitz<\/p>\n<p>19. M\u00e4rz 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gesellschaftshaus im Jungfernstieg Bis in die 1960er Jahre hinein stand im Berliner Stadtteil Lichterfelde im Jungfernstieg ein stattliches Geb\u00e4ude mit einer wechselvollen Geschichte. Es wurde 1870 als Gesellschaftshaus erbaut, beherbergte \u00fcber 50 Jahre ein privates Sanatorium f\u00fcr Nervenkranke und &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/politik\/das-juedische-siechenheim-im-jungfernstieg-eine-kurze-chronologie\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":54,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16],"tags":[173,72,18,45,97,139,177,49],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9176"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/54"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9176"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9400,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9176\/revisions\/9400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturinsz.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}