Das Ethnologische Museum in Dahlem

Ein Teil der Sammlung des Ethnologischen Museums wird nach der Fertigstellung in das Berliner Schloss/Humboldtforum in Mitte gegenüber dem Alten Museum einziehen. Im Alten Museum befand sich die Kunstkammer der preußischen Könige, aus der das Ethnologische Museum im 19. Jahrhundert hervorging. Mit dem Umzug der ausgewählten ethnographischen Gegenstände kehrt nun ein Teil der Sammlungen zu seinem Ursprungsort in die Mitte Berlins zurück.

Außen Kopie

Foto: Berthold Burkhardt

Als das Alte Museum nach den Plänen Schinkels 1830 eröffnet wurde, war bereits klar, dass es für alle Sammlungen zu klein sein würde. Daher wurde auf der Spreeinsel neben dem Alten Museum 1843 mit dem Neubau des Neuen Museums begonnen, das 1859 für das allgemeine Publikum geöffnet wurde. Dorthin waren bereits die ägyptischen und ethnographischen Sammlungen gebracht worden.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vergrößerten sich die Sammlungen erheblich. Vor allem um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unterstützen zahlreiche Mäzene, die sich im sogenannten „Ethnologischen Hilfskomitee“ zusammenfanden, Forschungsreisen und den Ankauf von Sammlungen für das ethnologische Museum. Deshalb zogen die Sammlungen 1886 vom Neuen Museum in einen Neubau des Berliner Ethnologischen Museums an die Stresemannstraße neben dem heutigen Gropiusbau. Heute ist das Areal der Parkplatz des Martin-Gropius-Baus. Das ethnologische Museum war im Zweiten Weltkrieg durch eine Bombe stark beschädigt und Anfang der fünfziger Jahre abgerissen worden.

Schon bald nach dem Einzug war das Gebäude des Völkerkundemuseums zu klein. Die Enge wurde zu einem stehenden Berliner Witz. Zwei Leute konnten sich in den Fluren nicht aneinander vorbeidrängeln, so vollgestopft waren die Flure. Nachdem die Baupolizei mit Schließung drohte, wurden 1906 Objekte in einen Schuppen auf dem Domänengelände in Dahlem untergebracht, aber bereits 1908 gingen sie wegen der Feuchtigkeit wieder zurück an die Stresemannstraße. 1914 begann man dann mit den vom Architekten Bruno Paul entworfenen Museumsbau in Dahlem. Doch der Ersten Weltkrieg stoppte den Weiterbau 1916. 1921 entschloss sich die Weimarer Republik nur noch ein Dach auf das bis auf zwei Stockwerke hoch gebaute Museum zu setzten und dieses Gebäude als Depot und Arbeitsstätte der Wissenschaftler zu nutzen. Dies blieb so bis zum 2. Weltkrieg. Bereits 1934 kam die Anweisung, die in den Museen vorhandenen Gegenständen in verschiedenen Kategorien einzuteilen. In

1. unersetzliche Stücke

2. wertvolle Stücke

3. alle übrige

Bei Gefahr konnte die Kategorie 3 zurückgelassen werden. Ab 1938 sah man im Museum den Ernstfall und packte Museumsstücke in Kisten und Kästen. Schon bald waren die Keller voll und Ausweichquartiere mussten genutzt werden. Die Schausammlung im Ethnologischen Museum an der Stresemannstraße blieb bis 1941 bestehen. Erst 1944 wurde ernsthaft mit dem Abtransport der ethnologischen Gegenständen begonnen, zuerst in die Flaktürme in Friedrichshain und Zoo und in die Reichsmünze und manche der Kisten kamen in Bergwerke in Bleicherode, Grasleben und Schönebeck unter oder nach Schräbsdorf. Doch blieben viele Gegenstände aus der Schausammlung verblieben in Dahlem, wo sie 1945 die Russen fanden und nach dem damaligen Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, abtransportierten.

statuen

Foto: Berthold Burkhardt

Kurz vor Kriegsende traf eine Bombe das ethnologische Museum in der Stresemannstraße. Bald nach dem Krieg konnte die Arbeit nur im Kellergeschoss wieder aufgenommen werden, dann aber bedingt durch einen Wassereinbruch verließ das Ethnologische Museum endgültig das Gebäude und zog nach Dahlem um. Auch das Depot in Dahlem war beschädigt. Gegen einen Vorschuss zur Reparatur des Daches und der Verglasung der Fenster bat die sich in Gründung befindliche Freie Universität wegen der großen Raumnot Räume im Museum in Dahlem nutzen zu dürfen.

Aber schon bald musste die Freie Universität andere Räume finden, denn bedingt durch die Teilung Berlins erhoben die Kunstmuseen Anspruch auf das Dahlemer Haus und zogen ein. Die Kunst war nach dem Gutachten Wilhelm von Humboldts Anfang des 19. Jahrhunderts bevorzugt zu behandeln und die Museumspolitik solle entsprechend ausgerichtet werden. Dies gilt bis heute, wie die Ausstellungspolitik der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zeigt.

1956 kamen die ethnologische Sammlungen aus den Bergwerken via Wiesbaden und Celle, wohin die westlichen Alliierten die Sammlungen gebracht hatten, wieder nach Berlin zurück und das Ethnologische Museum platzte wieder aus allen Nähten. Diesmal in Dahlem. Erst nachdem für die Gemäldegalerie das Kulturforum am Kemperplatz als Standort ausersehen wurde, begannen auch die Planungen eines Neubaus für die ethnologischen Sammlungen in Dahlem. 1970 wurden dann die ersten ethnologischen Ausstellungen eröffneten. Die Gemäldegalerie verblieb in Dahlem bis sie endlich Ende der neunziger Jahre in das für sie neu erbaute Museum am Kulturforum umziehen konnte. Heute wird wieder ein Umzug der Gemäldegalerie diskutiert, diesmal zur Museumsinsel.

Zu den bereits nach Berlin zurückgekehrten Gegenständen des ethnologischen Museums kamen Anfang der 1990iger Jahre, die verloren geglaubten Objekte aus Leipzig nach Dahlem zurück. Während des Kalten Krieges gab es immer wieder Gerüchte, dass Gegenstände aus dem Berliner Völkerkundemuseum gesichtet worden seien, in Berlin galten sie als verschollen. Ende der siebziger Jahre waren sie von Leningrad nach Leipzig gebracht worden. Dort lagerten die Gegenstände in den Kisten und Kästen im Dachgeschoss des ethnologischen Museums, so wie sie zurückgekommen waren. Nur hin und wieder hatten die Leipziger Museumskuratoren Zeit, sich um die Objekte zu kümmern. Bei der Sichtung nach ihrer Rückkehr nach Dahlem hatten manche der Masken ihre Haare verloren, andere ihre Federn. Aber im Großen und Ganzen waren die Schäden nicht zu schwerwiegend. In Leningrad hatte sich eine russische Ethnologin liebevoll um die Sammlungen gekümmert und so manches reparieren lassen. Zum Beispiel ein Tontopf der Inupiat aus dem Kotzebue Sound in Alaskas, dessen einzelne Bruchstücke mit einer russischen Zeitung innen zusammenklebten worden waren.

Aufgrund der weiterhin in Dahlem befindlichen Gemäldegalerie gab es einfach nicht genügend Platz im ethnologischen Museum, deshalb konnten immer noch nicht die Gegenstände aus Nordamerika ausgestellt werden. Erst nach dem Auszug der Gemäldegalerie wurde die Ausstellung der nordamerikanischen Indianer und Inuit/Eskimos aufgebaut und die Besucher bekamen einen kleinen Einblick in die hervorragende Berliner Sammlung, einschließlich der Gemälde indianischer Künstler, die unter dem ehemaligen Kurator Peter Bolz angekauft worden waren. Berliner Kunsthistoriker und Galeristen sahen zum ersten Mal die hohe Qualität der indianischen Arbeiten in einer Sonderausstellung. Die Berliner Kunstmuseen hatten bis dahin die außereuropäische Kunst ignoriert.

langhaeuser

Foto: Berthold Burkhardt

Im Magazin des Ethnologischen Museums stapeln sich auch heute, nach dem Auszug der Gemäldegalerie, weiterhin die Objekte übereinander, Dinge, die die Besucher nie zu Gesicht bekommen werden. Ein Schaumagazin, wie es für das Bremer Überseemuseum existiert, wäre eine Antwort. Dort kann man sich die Gegenstände ansehen, allerdings ohne wissenschaftliche Aufarbeitung. Aber die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Eigentümerin des Ethnologischen Museums, will die im Magazin lagernden Objekte in ihr neu erbautes Depot in den Osten der Stadt bringen. Bereits während der Planungsphase des Depots in den neunziger Jahren warnten Wissenschaftler vor eine Zusammenlegung der Depots aller staatlichen Museen. In London war ein Depot in Flammen aufgegangen und wertvolle, unwiederbringliche Gegenstände verbrannten. In Zeiten des Internets und der Digitalisierung brauchen die Wissenschaftler heute keine räumliche Nähe mehr, um sich schnell austauschen zu können. Nun aber plant die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Museum in Dahlem zu verkaufen. Was dort angesiedelt wird, wird derzeit diskutiert.



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Über Karin Berning

Karin Berning arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stipendiatin der Berlin-Forschung an einer Sammlung im Ethnologischen Museum. Ihre Ausbildung in Ethnologie erhielt sie an der Freien Universität Berlin und an der University of Alaska in Fairbanks, USA und schloss mit einem B.A. (UAF) und einen M.A. (FU Berlin) ab.
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