Ein Traum von Arkadien – Das UNESCO Weltkulturerbe in Glienicke

Blick_Welterbe_auf_WasserMit dem Rücken an die weiße Säule gelehnt, geht der Blick über das Wasser. Ein Springbrunnen plätschert. Die sinkende Sonne beleuchtet die Aussichtstürme auf dem gegenüber liegenden Pfingstberg. Italienisches Flair. Der Welt entrückt, hier direkt an der Glienicker Brücke. Ein Weltkulturerbe der UNESCO.

Aber warum ist es ein Weltkulturerbe?

Mit den Havelseen als Zentrum, rechts Berlin, links Potsdam haben die preußischen Könige über fast 200 Jahrhunderte eine Landschaft geplant und angelegt, zusammen mit ihren Baumeistern, Landschaftsarchitekten, Künstlern, Gärtnern und einem Heer von Arbeitskräften. So mancher unserer Vorfahren hat hier gearbeitet, um diese künstliche und künstlerische Landschaft entstehen zu lassen. Getragen von dem Wunsch der Königsfamilie eine ideale Landschaft im märkischen Sand zu schaffen. Ihr preußisches Arkadien. Italiens antike Stätten waren ihre Vorbilder.

Schloss_Glienicke

Den Antrag auf Weltkulturerbestatus hatte noch die DDR, allerdings nur für Sanssouci gestellt, aber schon bald zog Berlin nach und beide Länder erhielten kurz nach dem Mauerfall 1990 den Weltkulturerbetitel von der UNESCO, die zuständig bei der UNO für Bildung und Kultur ist. Verliehen werden Weltkulturerbetitel nur für universelle Werte, die als Erbe der gesamten Menschheit gelten.  Es ist also etwas ganz besonderes.

Angefangen hatte alles, als der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm im 17. Jahrhundert Potsdam zu seiner zweiten Residenz machte, in (Klein) Glienicke ein Jagdschloss errichten ließ und mit seiner Stadt- und Landschaftsplanung den Grundstein für das heutige Weltkulturerbe legte. Die Nachfolger beschränkten weitere Verschönerungen auf Potsdam. Erst als Prinz Carl von Preußen 1824 von den Erben des Staatskanzlers von Hardenberg Glienicke kaufte, fing die Blüte Glienickes an. Unter dem Enkel des Kurfürsten, des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm war das Jagdschloss ein Lazarett gewesen, dessen Leiter Mirow nördlich davon ein Gutshaus und eine Ziegelei bauen ließ. Aus dem Gutshaus wurde dann unter Hardenberg durch Umbauten von Schinkel das Schloss Glienicke. Prinz Carl ließ es weiter umbauen. Auch der Garten, der sogenannte Pleasure Ground, wurde noch unter Hardenberg von Lenné 1816 kurz nach dessen Ankunft in Berlin/Potsdam angelegt. Überhaupt basiert die heutige Ausdehnung des Kulturerbe hauptsächlich auf Lennés Plan für Potsdam, den er 1833 bei König Friedrich Wilhelm III. einreichte. In diesem Plan stellt er die Havelseen als Mittelpunkt der Kulturlandschaft dar. Auch die Pfaueninsel ist ein Teil dieses Plans.

Hier hatte der Große Kurfürst erst eine Kaninchenzucht angelegt, dann dem Alchemisten Kunkel die Insel für seine Glasexperimente zur Verfügung gestellt. Kunkel entwickelte die Herstellung von Rubinglas, einer sehr kostspieligen Glasart.  Nach dem Tode des Großen Kurfürsten verfiel die Insel in einen Dornröschenschlaf bis der Großvater von Prinz Carl, Friedrich Wilhelm II. 1794 auf der Insel die kleine Schlossruine aus Holz bauen ließ. Hier verbrachte sein Sohn Friedrich Wilhelm III., seine Frau Louise und ihre Kinder, darunter Prinz Carl, immer wieder Ferien. Der König hielt hier exotische Tiere, von denen einige Überlebende später den Grundstock für den Berliner Zoo bildeten. Der König ließ 1818 zu Ehren seines Schwiegersohns, des späteren Zar Nikolaus, das Blockhaus Nikolskoe bauen. 1832 kam die Kirche St. Peter und Paul dazu, dahinter befand sich das Schulhaus für die Kinder der Bewohner der Pfaueninsel, heute ein Forsthaus, und der Friedhof.

Zwischen Nikolskoe und dem Jagdschloss lag der Besitz Prinz Carls. Über die Jahre waren Grundstücke dazugekauft worden, der Park von Lenne geplant und angelegt, das Jagdrevier ausgeweitet.

Grosse_NeugierdePrinz Carl ließ kurz nach dem Kauf 1824 das kleine Hardenbergsche Billardhaus im Pleasure Ground am Schloss zum Casino umbauen, die Große Neugierde errichten und ein schon um 1780 vorhandenes Gebäude an der Straße zur Kleine Neugierde umbauen. Die alte Ziegelei wurde später abgerissen. Sie lag in der Nähe des heutigen Klosters. Von dort waren die Ziegelsteine zur kleinen Anlegestelle am heutigen Hirschtor gebracht und auf die Boote verladen worden. Dort lag später die Schiffsattrappe Prinz Carls, die als Umkleidekabine genutzt wurde. Ende der dreißiger Jahre wurde das Gärtner- und Maschinenhaus gebaut, um die Springbrunnen im Park und die Orangerie mit Wasser zu versorgen. Im Jägerhof an der Spitze des Parks gegenüber von Sakrow, weit weg vom Schloss, hielt Prinz Carl seine Hundemeute. Er war ein passionierte Parforce Jäger. Die heutige Gaststätte Moorlake wurde als Forsthaus gebaut, wo auch der Prinz mit seinen Jagdgästen einkehrte. In den 1860iger Jahren kam der Wirtschaftshof neben dem Schloss mit dem Kuh- und Pferdestall, dem Schafstall und der Konditorei dazu. 1859 kaufte Prinz Carl das Jagdschloss für seinen Sohn und ließ für das Waisenhaus, welches sich vorher im Jagdschloss befand, ein Gebäude in der Nähe umbauen. Heute sind darin  Eigentumswohnungen.

BoettcherbergNach dem Tod seiner geliebten Schwester, der Zarin, ließ er Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg erbauen. Von hier hatte man einen Blick auf das Babelsberger Schloss seines Bruder Wilhelms, des späteren Kaisers, und auf Potsdam.

Überhaupt die Aussichten. Sie waren Prinz Carl wichtig, der sich mit Lenne bei allen landschaftlichen Planungen beriet und der ihm und der königlichen Familie immer wieder auf die Blickbeziehungen hinwies. Lenne war ein Meister der Blickbeziehungen, die heute noch in vielen Teilen des Weltkulturerbes, nicht  nur in Glienicke, sichtbar sind. Von der Großen Neugierde hatte man einen guten Blick auf das Schloss auf dem Babelsberg, dem Schloss in Potsdam und über den Jungfernsee hinauf nach Neiritz. Von Prinz Carls Besitz sah und sieht man in immer wieder sich verändernden Perspektiven über das Wasser nach Potsdam, auf die Türme des Belvederes, zum Neuen Garten mit seiner Meierei, auf die Heilandskirche in Sakrow und den Jungfernsee hinauf.

StibadiumSitzt man im Stibadium, der überdachten Rundbank neben dem Eingang im Schlossgarten, geht der Blick über das Wasser zur Potsdamer Silhouette. Als Vorlage für das Stibadium dienten die Ideen Plinius des Jüngeren, der zwischen 61 und 113 lebte. Die Antike wird in Glienicke immer wieder sichtbar, wie z. B. in der griechische Säule aus Kap Sounion, deren Bruchstücke noch heute den Pleasure Ground zieren. Sie stammen aus dem bei einem Erdbeben zerstörten Poseidon Tempel.

SpolienNeben all diesen baulichen und landschaftsplanerischen Aktivitäten sammelte Prinz Carl mittelalterliche Antiquitäten, wie den Kaiserstuhl von Goslar, den Prinz Carl gekauft und der Stadt Goslar nach seinem Tod vermacht hatte. Andere antiken Fundstücke, Spolien genannt, stammen aus dem ganzen Mittelmeerraum. Viele kaufte er auf dem Kunstmarkt, andere wurden ihm geschenkt. Manche der Fundstücke ließ er in die Mauern des Schlosses und der anderen Gebäude einfügen. So besaß er Spolien aus Troja und aus Karthago in Nordafrika neben vielen aus Italien. Im Kloster, das den Gebäudeabschluss neben der Orangerie bildet, befindet sich der Sarkophag eines Heiligen. Ein restauriertes byzantinisches Mosaik ziert den Eingang und ein Affe aus Pisa okkupiert eine Ecke. Der Markuslöwe aus Venedig steht auf einer griechischen Säulenbasis. Darauf sind noch verwitterte Skorpion zu erkennen.

LoewenfontaineManche Nachbildung von antiken Skulpturen, wie der Betende Knabe, das Original steht auf der Museumsinsel, stellte Prinz Carl im Garten auf. Seine Schwester, die Zarin Alexandra, schenkte ihm eine Kopie des Zerbrochenen Krugs, eines Brunnens, der als neue Nachbildung nahe der Kleinen Neugierde steht. Das Originalgeschenk der  Zarin Alexandras ist verschwunden. Auch die goldenen Löwenfontänen des Brunnen in der Nähe des Stibadiums im Vorgarten stammen von ihr. Weitere antike Skulpturen  stehen stehen am Casino. Rechts und links davon gehen die mit Wein bewachsenen Säulen der Pergola des Casinos ab. Von hier geht mein Blick über den Jungfernsee zum Sonnenuntergang. Ich muss die Säule, an der ich gelehnt habe, verlassen. Der Wachmann der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg ermahnt, die Füße nicht auf den Rasen zu stellen. Das Schlossareal mit Pleasure Ground und Park bis zum Maschinenhaus gehört zur Stiftung. Der daran anschließende Teil des Parks mit seinen Gebäuden befindet sich im Besitz des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Dieser Teil des Parks ist im schlechten Zustand. Die Wege marode, die Bäume schlecht gepflegt. Hinweisschilder warnen vor dem Aufenthalt unter den Bäumen. Auch die verschiedenen Gebäude des Parks müssen dringend saniert werden, allen voran die kleine Konditorei direkt an der Königstraße. Der Bezirk bekommt, entgegen den Richtlinien der UNESCO, kein zusätzliches Geld für die Pflege des Welterbes vom Senat. Auch die Wege auf den Böttcherberg müssten saniert werden. Dafür ist die Abt. Forsten des Senators für Stadtentwicklung zuständig, wie auch für den Wald zwischen Moorlake und dem Gasthaus an der Pfaueninsel. Auch hier muss man auf herunterfallende Äste achten. Der Park des Jagdschlosses ist gepflegt, aber aus

Kurfuerstentor

dem sogenannte Kurfürstentor wachsen Bäume. Ein Lichtblick ist die Pfaueninsel, auf der begabte Gärtner den Spagat zwischen Denkmalpflege und Naturschutz geschafft haben und immer wieder schaffen. Die Insel gehört ebenfalls der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Überhaupt steht der größte Teil des Weltkulturerbes nicht nur unter Denkmalschutz, sondern auch unter dem Naturschutz der EU. Dies stellt eine zusätzliche Schwierigkeit für die Pflege des Welterbes in Glienicke dar. Damit das Weltkulturerbe in Glienicke stärkere Aufmerksamkeit bekommt, wird jetzt ein Verein für Glienicke gegründet, der auch den Betrieb des Besucher- und Ausstellungszentrums anstrebt.

Über Karin Berning

Karin Berning arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stipendiatin der Berlin-Forschung an einer Sammlung im Ethnologischen Museum. Ihre Ausbildung in Ethnologie erhielt sie an der Freien Universität Berlin und an der University of Alaska in Fairbanks, USA und schloss mit einem B.A. (UAF) und einen M.A. (FU Berlin) ab.
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